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Arabische Lektionen für den ZFD
Lehren ziehen, Potentiale ausschöpfen und neue Wege gehen
von Stephan Clauß
Die Regimewechsel in einigen arabischen Staaten seit Januar 2011 belegen das Potenzial gewaltfreier Mittel, womit die breite Bevölkerung selbst in stabil geglaubten autokratischen Systemen massive Veränderung bewirken konnte. Dies gilt - zumindest bisher - für Ägypten und Tunesien. In anderen arabischen Staaten hat sich dieser Erfolg durch Demonstrationen bisher nicht eingestellt (v.a. in Jemen und Syrien), der Protest wurde niedergeknüppelt (v.a. Bahrain) oder Gewalt eskalierte massiv (Libyen). Der (durchaus gespaltene) „Westen" reagierte zunächst verhalten diplomatisch, euphorisch nach dem Regimewechsel und im Falle Libyens mit einer Militärintervention. Letzteres zwar in diesem Fall UN-mandatiert, aber wieder einmal gewaltsam. An anderen Orten der Welt war diese Art der Intervention gegen Autokratie, Nichtbeachtung von Menschenrechten und Demokratie kaum erfolgreich (siehe Afghanistan).
Der Zivile Friedensdienst (ZFD) hat den Gang der Ereignisse nicht beeinflusst. Er kann sich aber zumindest rühmen, dass seine Annahme der Möglichkeit eines zivilgesellschaftlichen und weitgehend gewaltfreien Regimewechsels in zwei Fällen bestätigt wurde. Präsent ist der ZFD aber in keinem der arabischen Länder, in denen sich Proteste regen. Angesichts dessen sollte der ZFD durchaus „arabische Lektionen" lernen und seine Potentiale ausschöpfen.
In Ägypten und Tunesien ist weiterhin offen, ob es der Bevölkerung gelingen wird, ihren Erfolg in eine tragfähige politische Alternative zu übersetzen. Die geschichtliche Erfahrung zeigt, dass Umstürzler oft nicht in der Lage sind, zum Aufbau von demokratischen und freiheitlichen Strukturen substanziell beizutragen. Häufig behalten sie das Heft nicht in der Hand. Insofern sollte der ZFD die lokale Bevölkerung dabei unterstützen, sich zu organisieren und politische Konzepte für ein menschenwürdigeres System auszuarbeiten, bevor andere Akteure vom Machtvakuum profitieren.
Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass das Internet für die sozialen Bewegungen eine große Rolle spiele. Die Bedingungen und Potentiale für eine Mobilisierung mit Hilfe des Web 2.0 zu analysieren und selbst entsprechende methodische Kompetenzen zu entwickeln, wäre eine Herausforderung für den ZFD.
Die Aufstände widerlegen die bislang gängige Warnung vor islamistischen Gefahren, womit der Westen seine Stütze von Autokraten häufig als „kleineres Übel" und alternativ-los legitimierte. Der Widerstand nährte sich hingegen aus dem Willen zur Freiheit und nicht aus religiösem Extremismus. Offensichtlich wurden andere gesellschaftliche Kräfte unterschätzt. Gilt dies auch für andere Regionen? Und wenn ja, sollte der ZFD dann nicht durch seine starke Anbindung an die lokale Bevölkerung realistischere Einschätzungen nach Deutschland tragen?
Letztendlich belegen die Vorgänge in der arabischen Welt aber auch: Um effektiv Frieden und Gewaltfreiheit zu unterstützen und politisch glaubhaft zu sein, muss der ZFD rechtzeitig vor Ort und gut informiert sein. Wie kann der ZFD für Frühwarnungen genutzt werden? Die enge Anbindung an lokale Bevölkerungen könnte ihm zum Vorteil gereichen, um andere,schnellere und möglicherweise belastbarere Informationen zu liefern als über diplomatische, geheimdienstliche oder militärische Kanäle. Hilfreich wäre das nicht nur für die rechtzeitige Warnung vor Gewalteskalation. Ebenso ließen sich lokale demokratische und emanzipatorische Entwicklungen zeitnah erkennen. Es bliebe mehr Zeit, um gezielte Unterstützung zu organisieren. Dann stünde der ZFD nicht so überrascht vor den Ereignissen im arabischen Raum wie „der Rest der Welt" und müsste seinen Beitrag nicht auf Kommentare wie „Gewaltfreiheit funktioniert doch" beschränken.
Stephan Clauß ist Historiker, Leiter der pädagogischen Entwicklung in der Akademie und war zuvor vier Jahre als Friedensfachkraft in Palästina tätig.