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Zivile Konfliktbearbeitung – Anspruch und Wirklichkeit

Artikel von Dr. Andreas Heinemann-Grüder

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Der Zivile Friedensdienst (ZFD) ist mehr als zehn Jahre alt - er professionalisiert sich und wird zur Profession, das Bekenntnis mutiert zum Beruf. Doch ist der ZFD mehr als die Projektion des Selbstbildes einer geläuterten Zivilmacht? Auf welchen Annahmen basiert er?  

Das Gegenteil von ziviler Konfliktbearbeitung ist Gewalt.
Ist der ZFD folglich pazifistisch? Gewalt zielt darauf, durch physische und psychische Einwirkung die menschliche Unversehrtheit erheblich zu verletzen und die Handlungsfähigkeit bzw. die Handlungsautonomie systematisch einzuschränken. Allein: Wer die Handlungsautonomie von Straftätern einschränkt, übt auch Gewalt aus. Zivile Konfliktbearbeitung bedarf des Staates als legitime und rechtsstaatliche Ordnungsmacht. Auf das staatliche Gewaltmonopol, d.h. die zivilisatorische Leistung des Staates, Menschen zu schützen und Straftaten durch Sicherheitsapparate, die Justiz und den Strafvollzug zu ahnden, kann zivile Konfliktbearbeitung nicht verzichten.

Autoritäre oder fragile Staaten sind eine zentrale Ursache von Gewalt. Zivile Konfliktbearbeitung darf sich folglich nicht auf die Zivilgesellschaft beschränken. Die Zivilgesellschaft ist unabdingbar für die Kontrolle und Begrenzung staatlicher Macht. Ungerechte oder diskriminierende staatliche Strukturen und Praktiken sind kein Sanktuarium. Wenn die Überlebens- und Sicherheitsinteressen von Menschen und der Schutz fundamentaler Menschenrechte, d.h. die „menschliche Sicherheit“, normatives Leitbild ist, dann erfordert dies eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten illegitimer Staaten. Es geht um die Zivilisierung des Staates, darum, wem der Staat gehört und dient – weder um dessen Abschaffung noch um seine Unantastbarkeit.

Konflikte handeln ebenso vom Konfliktgegenstand und Strukturen wie von der Art, in der sie wahrgenommen, dargestellt und fundamentalisiert werden. Gesellschaftliche Konflikte sind Gruppenkonflikte um Werte, Identitäten, Reputation, Vertrauen bzw. Misstrauen und konkurrierende Vorstellungen von Gerechtigkeit. Zivile Konfliktbearbeitung zielt auf die Wiederbelebung und Stärkung des Sozialkapitals, sie will Konflikte hoher Intensität in solche mit geringer Intensität verwandeln.

Geringe Konfliktintensität zeichnet sich durch die Integration von Konfliktparteien, umfangreiche gruppenübergreifende Bindungen, multiple soziale Spaltungslinien und alternative Quellen der Identifikation aus. Gruppenübergreifende Bindungen erzeugen nuancierte, weniger extreme Selbst- und Fremdbilder. Dritte Parteien – darunter der ZFD – können geschlossene Wahrnehmungsmuster verdeutlichen und für nuancierte Wahrnehmungen öffnen, Analogien, alternative Interpretationen und Verbindungen zwischen den Parteien aufzeigen. Die Weltsichten können bewusst in das Konfliktmanagement aufgenommen werden, um einen Interessenausgleich nicht durch Ideologien zu verhindern.

Gruppenidentitäten verhärten sich allerdings infolge des Solidarisierungseffektes von Überlebensängsten und der Frustration über gescheiterte Friedensprozesse. Ein Einstellungswandel ist nur wahrscheinlich, wenn der Sicherheit und den Interessen der unterlegenen Gruppe entgegengekommen wird. Für den ZFD heißt dies, dass Dialog zwar Gruppenimages ändern kann, die Feindbilder jedoch erst an Bedeutung verlieren, wenn Bewegung in die Strukturen und Interessen kommt, die sie hervorbrachten.

Zu erwarten, dass Konfliktparteien ihre Interessen zugunsten eines Dialogs an sich aufgeben, ist idealistisch. Kommunikative Konfliktbearbeitung muss in Mechanismen des Interessenausgleichs münden. Einen Wechsel politischer Rahmenbedingungen kann die Zivilgesellschaft wiederum nur bewirken, wenn sie lernt, Interessen zu aggregieren und zu repräsentieren. Die Konsequenz: Ziviler Friedensdienst sollte politische Parteien, landesweite Verbände und Verwaltungen als Partner gewinnen.

Für die Wirkungen des ZFD auf die Zielgruppen fehlen Verfahren, um Ergebnisse repräsentativ zu erfassen; es bedarf kontinuierlicher Begleitforschung. Der ZFD könnte auch einen Beitrag zur Prävention leisten, wenn das Wissen der Fachkräfte zusammengetragen würde. Häufig wird die Interdependenz von Graswurzel-Arbeit und „großer Politik“ erwähnt, jedoch mitnichten im Projektdesign umgesetzt. Der ZFD wird nur als Teil eines ganzheitlichen Ansatzes Erfolg haben, will er nicht in den Geruch von Palliativmedizin oder symbolischer Politik kommen. Um dies zu erreichen, gilt es nicht zuletzt das Repertoire ziviler Konfliktbearbeitung in internationalen Missionen zu stärken.

Andreas Heinemann-Grüder
Leiter der Akademie für Konflikttransformation